Macchu Picchu_32
EnglishDeutsch
Kulturelle Unterschiede Print E-mail
Mittwoch, 08 Oktober 2008

Nachdem ich bereits die ersten Beschwerden erhielt, dass ich schon lange nichts mehr berichtet habe, werde ich dieses Mal über ein etwas heikleres Thema berichten - die Kultur. In den letzten Wochen habe ich ziemlich viele kulturelle Unterschiede festgestellt, bisher aber noch nie darüber berichtet. Dabei habe ich mich nicht selten auch geärgert. Daher kann es sein, dass in diesem Eintrag Dinge ev. ein wenig negativ dargestellt werden könnten. Wer sich von solchen Dingen belästigt fühlt, soll das Lesen doch gerade lassen, denn es ist einfach eine subjektive und emotional beeinflusste Meinung.

Service - Bedienung

Der Service hier ist nicht gerade das, was man gut nennen würde. Wenn man etwas vom Kellner möchte, muss man ihn an den Tisch rufen. Dabei darf man ruhig auch schnipsen oder pfeifen. Ist zuerst ziemlich ungewohnt, kann aber mit der Zeit Spass machen. Mal schauen ob ich es mir in der Schweiz wieder abgewöhnen kann.

Ist der Kellner mal am Tisch, ist die erste Hürde gepackt. Nun geht es ans Bestellen. Man sollte sich dabei immer genau merken, was man bestellt hat, und wenn möglich auch die Preise. Denn dass nicht das Richtige kommt trifft in ca. 50% der Fälle zu. Die Kellner sind dann auch jeweils einsichtig und bringen (möglicherweise) das Bestellte. Des Öftern kommt es auch vor, dass nach ca. 15min der Kellner kommt und berichtet, dass es das Gericht heute nicht gibt. Dummerweise haben in dieser Zeit die Kollegen bereits die Hälfte der Mahlzeit gegessen. Die Mahlzeiten kommen nie gleichzeitig, und auch nicht leicht verschoben. Oft passiert es, dass die einen bereits fertig sind, wenn die anderen das Essen bekommen. Dabei spielt es keine Rolle, was man bestellt hat. Ein einfaches Sandwich kann durchaus eine halbe Stunde dauern und das Dreigangmenu ist bereits verdrückt. Einmal habe ich es erlebt, dass wir das bestellte Wasser (in der Flasche) beim Hinausgehen noch in die Hand gedrückt bekamen.

Will man anschliessend bezahlen, sollte man die Rechnung immer kontrollieren. Meist ist auch das nicht Konsumierte, Zurückgegebene oder gar nie Bestellte auf der Rechnung. Es macht den Anschein, als ob dies jeweils gar keine Absicht ist, auch wenn ich mir das schlecht vorstellen kann. Es scheint einfach Unvermögen zu sein. Es werden oft ganze Mahlzeiten vergessen. Daher lohnt es sich immer 3x nachzufragen, wann denn das Essen komme. Vielleicht wurde es ja vergessen...

Ein weiteres Paradebeispiel habe ich in meinen ersten Tagen erlebt. Wir haben für die Glace 3 Löffel bestellt, damit wir alle gleichzeitig die beiden Glace essen können. Anstatt 3 Löffel zu bringen, hat sie 3 Glace ohne Löffel gebracht (für 4 Personen, die bereits 2 Glace haben). An der Kommunikation sollte es auch nicht gelegen haben, denn Einheimische haben bestellt.

Ein weiterer interessanter Punkt ist das Bezahlen. Dies ist nicht nur in den Restaurants so, sondern in vielen kleinen Läden. Man bezahlt meist beim Hinausgehen. Hier wird einem ein von Hand gekritzelter Zettel in die Hand gedrückt, mit den konsumierten Dingen drauf. Diesen Zettel nimmt man entgegen und begibt sich zur Kasse (welche sich ca. 1m daneben befindet), um zu bezahlen. Z.T. wird einem der Zettel von der gleichen Person gegeben, die ihn anschliessend auch 1m nebendran und 5s später wieder entgegennimmt.

Zeit - Warten

Zeit hat hier eine etwas andere Bedeutung. Langsam habe ich mir eine Umrechnungstabelle zusammengestellt. Im Moment sieht diese in etwas so aus:

  • in 5 Minuten = in 1 Stunde
  • in 15 Minuten = Heute
  • in 1 Stunde = in 2 Stunden
  • heute = wenn ich Lust habe, und du mich nochmals explizit daran erinnerst und kontrollierst, ob es gemacht worden ist.
  • morgen = keine Lust, es zu erledigen. Frag mich nächste Woche nochmals

Die einzige Ausnahme bietet hier eine Stunde. Wenn jemand dies verwendet, bedeutet es oft, dass es tatsächlich gemacht wird, da es eine genaue Angabe in der Zukunft ist.

Das Ganze kann für mich eigentlich ziemlich einfach mit einem Verb beschrieben werden. Esperar heisst in Spanisch warten und hoffen. Und so ist es auch, wartet man auf eine Person, hofft man immer, dass sie auch kommt. Warten und hoffen sind hier sehr nahe beieinander.

Zu Meetings habe ich mir angewöhnt, mindestens 15 Minuten zu spät zu kommen. Ich habe mit 5 begonnen, auf 10 gesteigert und bin nun bei 15. Und noch immer bin ich immer der Erste vor Ort. Auch darf man nicht erwarten, dass jemand absagt, wenn er nicht kommt. Normalerweise ruft man diese Person an, wenn sie nach ca. 1h nicht aufgetaucht ist.

Ein interessantes Beispiel für das Zeitempfinden habe ich auch letztes Wochenende erfahren, als ein grosses Volleyballturnier war. Ich habe eine Spielerin gefragt, wann das nächste Spiel sei. Sie holte den Spielplan hervor (den Gleichen, den ich auch hatte) und sagte mir, um 11:20. Das stimmte laut Spielplan auch, allerdings war es 12:30. Das störte anscheinend aber niemandenen. Das System ist eigentlich genial. Ist man selbst überzeugt, dass der Spielplan nicht in Verzug ist, kann nichts schiefgehen. Man passt einfach die Zeit dem Spielplan an, und nicht umgekehrt.

Sitzungen

Ich hatte hier bereits einige interessante Sitzungen, und kann nur sagen, ich wusste nicht, dass eine Sitzung so unproduktiv sein kann. Die Leute treffen sich zur Sitzung, die meisten kommen zu spät, setzen sich an den Laptop und beginnen, im Internet zu surfen. Eine Struktur für die Sitzungen scheint jeweils nicht zu exisitieren. Wenn ich jeweils versucht habe, die wichtigsten Punkte zu klären, haben sich die meisten nicht vom Surfen im Internet abbringen lassen, und meine Versuche wurden ziemlich schnell abgewürgt. Inzwischen habe ich mich angepasst, und erwarte gar nichts mehr, und nehme immer meinen Laptop mit, damit ich auf jeden Fall auch im Internet surfen kann.

Tastatur & Kamerareparatur

Vor einer Woche habe ich eine neue Tastatur bestellt. Wie es am Dienstag der letzten Woche hiess, werde diese in zwei Tagen hier sein. Natürlich schien mir das ein wenig übertrieben. Als ich am Montag anrief, ob die Tastatur nun angekommen sei, sagte er mir, er werde sich nun gerade nach einem Lieferanten umsehen. Irgend etwas ist hier schiefgelaufen.

Meine Kamera ist nun seit einigen Wochen in der Reparatur und immer noch nicht geflickt. Nach 3 Wochen haben sie festgestellt, dass sie das falsche Teil haben. Keine Ahnung, was sie die 3 Wochen vorher gemacht haben. Um sicherzugehen, dass die Kamera bald repariert wird, bin ich nun heute mal persönlich vorbei gegangen. Dinge haben hier eine viel tiefere Priorität, wenn sie von Personen kommen, die man nicht kennt. Daher lohnt es sich meistens, persönlich vorbeizugehen und nicht 'nur' zu telefonieren. Aus diesem Grund gibt es auch noch keine neuen Photos.

Streiks

Hier wird ziemlich oft gestreikt. Kleinere Streiks im Zentrum gibt es fast jeden Tag, ausser sonntags, da dann nicht gearbeitet werden muss. Erst kürzlich war ein grosser Streik gegen die Regierung, wie man mir gesagt hat. Ich habe einige Leute gefragt, weswegen der Streik denn genau sei. Interessanterweise konnte mir diese Frage eigentlich niemand beantworten.

Pfeifen und rufen bei/für Frauen

Kürzlich befand ich mich mit einem Kollegen nachts in einer nicht besonders belebten Strasse. Als zwei Gringas vorbeiliefen, begann er zu pfeifen und zu rufen. Dieses Verhalten habe ich schon öfters gesehen, auch am hellichten Tag, dass z.B. ein Taxifahrer das Fenster herunterlässt und laut 'Hey chica' ruft. In der Schweiz würden das wohl die wenigsten machen, wenn sie nicht betrunken sind oder sich halbwegs an die 'Umgangsregeln' halten. Ich habe ihn darauf angesprochen, was er damit bewirken möchte. Seine Antwort darauf war, dass er so den Chicas ein Kompliment macht. Er erklärte mir, dass alles was darauf hinweist, dass eine Frau gut aussieht, für die Frau hier ein Lob ist, also rufen, pfeifen, ... Bin noch nicht 100% sicher, ob ich das genau so glauben soll. Ich muss mich mal erkundigen, wie Frauen dies sehen. Als ich ihm erklärte, dass er damit bei Gringas wohl nicht besonders viel Chancen hat, war er ziemlich erstaunt. Die zwei Gringas hatten nach seinem Pfeifen auch den starren Geradeausblick (wir haben dich nicht gesehen) aufgesetzt und die Schrittfrequenz erhöht ...

Schlussfolgerung

Ich versuche, in vielen Bereichen die Kultur und das unterschiedliche Zeitmanagement zu akzeptieren. Doch wie Colin mir deutlich gemacht hat, habe ich bisher noch überhaupt nicht geschafft. Ich schaffe es immer wieder, mich aufzuregen, wenn Leute viel zu spät oder gar nicht kommen oder einfach komplett unzuverlässig sind.

Oft bin ich noch immer zu blöd und glaube den Leuten, wenn sie mir sagen, sie haben etwas erledigt. Kontrolliert man es nicht selbst, wird es aber wohl auch nicht gemacht. Ich bin immer wieder erstaunt, dass die Leute kein schlechtes Gewissen haben, wenn man sie dabei erwischt. Aber das scheint einfach so zu sein. Ich versuche mich also weiter anzupassen, kann aber nicht garantieren, dass ich es komplett schaffen werde.

Es gibt noch einiges mehr, was ich berichten werde. Aber ich spare mir dies mal für einen späteren Eintrag auf.

Comments

Add New
Steph 2009-12-04 10:18:29
 
nun gut
Hall und Hofstede, nee, das ist noch viel oberflächiger, generalisierender und denkt von der Nation
zum Subjekt und ..., was jemand der selbst die Möglichkeit hat all die Unterschiede hautnah zu
erleben, nicht tun sollte.

Du bist gut im Beobachten und sehr aufmerksam, was die kulturellen
Unterschiede betrifft. Vielleicht solltest Du Dich aber mehr fragen, warum denn die Unterschiede
möglichweise da sind. Dazu gehört einerseits sich zu fragen, warum es bei dir so ist und warum es
dort so sein könnte. Warum streiken, die Leute denn so oft. Wo rührt das her? Warum ist das in der
Schweiz eher nicht der Fall? usw. Ich hab selbst fast 2 Jahre im Ausland gelebt und mich viel zu oft
über kulturelle Unteschiede geärgert während meiner Zeit im Ausland. Meist war es unplausibles
Verhalten, was ich mir einfach nicht erklären konnte, weil ich anderes nämlich mein Verhalten als
normal eingestuft habe. Dass die Leute aber nach anderen Werten und Normen handeln und welche das
genau sind bedarf oft erst einer Reflexion. (Amen hua ha ha). Ich habe mir viele unangenehme
Situationen erst erklären können, als ich wieder zu Hause war und selbst meine eigene Kultur
irgendwie mit fremden Augen betrachtet habe.

Wie dem auch sei... nutz die Chance und entdecke und
reflektiere. Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit und urteilen von einem Urlaub auf
Mallorca... dabei kann das so faszinierend sein.


Viele Grüße.
S.
 
Anonymous 2009-06-23 00:00:05
 
ich kann verstehen, was du meinst. Ich bin Peruanerin und langsam verstehe ich das Ganze dort nicht
mehr so gut wie früher, Micha
 
ludmila bezerra 2008-11-30 19:02:01
 
Kulturstandars
you should take a look in the culture standards from Hofstede or Hall. I guess you would be able to
understand the culture differences you are experience right now.
Brazilian greetings from Freiburg
 
Write comment
Name:
Email:
 
Title:
:D:):(:0:shock::confused:8):lol::x:P:oops::cry:
:evil::twisted::roll::wink::!::?::idea::arrow:
Please input the anti-spam code that you can read in the image.

3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved."